Experiment - Die Laborküche wird zur Versuchsküche

#einewocheplastikfrei – In die Tonne mit den schlechten Angewohnheiten?! [Maddin]

Manchmal kommt es mir wie der blanke Hohn vor, wenn ich an mein altes Ich zurückdenke. Das Ich, das regelmäßig Burger beim alten Schotten oder König gegessen hat, den Döner höchstens mit Tomate und Gurke mochte und zuhause immer eine Salami-Pizza im Gefrierschrank hatte. Angewohnheiten, von denen ich mir nie hätte vorstellen können, dass ich sie einmal ablegen könnte… Und nach drei Jahren Veganismus muss ich sagen: Irgendwie ging es doch, und das zudem einfacher als gedacht! Doch warum will das mit dem Zero Waste und Plastikfrei nicht auch so einfach klappen? Und warum probieren wir das nicht einfach aus?

Ich will mal nicht zu hart mit mir oder uns ins Gericht gehen. Durch unsere Zero Waste-Woche im vergangenen Jahr haben wir wirklich schon viel gelernt, mitgenommen und auch in die Tat umgesetzt. Aber viel (Müllvermeidung) hilft viel, und verbessern kann man sich immer. Zumal der Teufel nun manchmal wirklich im Detail steckt. Eine Bambuszahnbürste zu kaufen und dann ein paar Monate seine Ruhe zu haben, ist die eine Sache. Tag und Tag und Woche für Woche aber in diesem Plastikdschungel da draußen namens Supermarkt um sein plastikfreies Überleben zu kämpfen, eine andere. Und zu schnell verfällt man wieder in die altbekannten und meist verhassten Denkmuster, die letzten Endes auf ein trauriges und nicht akzeptables Fazit zusteuern: “Aber das habe ich doch immer schon so gemacht!”

Es wird Zeit, diese Pfade wirklich zu verlassen und sich neue Wege zu suchen. Diese Wege müssen nicht einmal perfekt sein, aber sie sollten einfach unterstützen, bequeme doch schlechte Angewohnheiten einmal zu hinterfragen und sich ggf. neue Strategien zu überlegen. Wie Eden in ihrem Einstiegsbeitrag werde auch ich eine Woche lang ein kleines Müll- und Plastik-Tagebuch führen. Einiges haben wir in den letzten Jahren schon verbessert, vieles ist schlicht neu für uns und ein bisschen was geht zumindest in meiner Welt auch nicht plastikfrei. Aber der Challenge von Simply Vegan stelle ich mich trotzdem gerne, auch wenn ich diese nicht gewinnen kann, aber zumindest will ich nicht bloß in den Startblöcken stehen bleiben. Denn jeder Gedanke, jede Tat und jedes unverbrauchte Stück Plastik ist ein Schritt in die richtige Richtung!

Montag

Tja, wie stellt man sich den perfekten Montag vor? Er sollte am besten mit einem Zahnarzttermin um 8 Uhr morgens starten. Check! Und drei Spritzen ins Zahnfleisch natürlich. Check! Den tauben Mund und Schmerzen nicht vergessen. Check! Zu allem Überfluss habe ich jetzt eine weitere Kunststoff-Füllung im Mund… Mein Mund ist garantiert nicht plastikfrei.

Wenigstens ging es zuvor weit besser los: Rasiert mit Rasierseife und Pinsel, geduscht mit einem Seifenstück. Den Hintern mit Recycling-Papier abgewischt. Ehrlich gesagt bin ich auch erst in den letzten Monaten auf das “bereits benutzte Klopapier” umgestiegen; zuvor flog das unter dem Radar. Gekauft wurde es aber mal in Plastik… Ich hatte auch bereits das unverpackte Klopapier aus dem Unverpacktladen ausprobiert. Die zweilagige Rolle war zum einen ziemlich teuer, zum anderen aber auch viel zu dünn. Abgelehnt! (Bis auf Weiteres…) Dünn im Schaum und ungewohnt war auch das neue Zahnputzpulver, das ich im Unverpacktladen geholt habe. Ich glaube aber, daran könnte ich mich gewöhnen. Ein Anfang!

Dienstag

Wenn ich keine Zeit (oder Muße) habe, mir morgens vor der Arbeit Brote zu schmieren – so wie heute -, dann hole ich mir was beim Bäcker. Da vegane belegte Brötchen hier so häufig sind wie Einhörner, gibt es nur nackige Brötchen. Eingetütet in eine Papiertüte…? Denkste! Vor wenigen Wochen sind Baumwoll-Turnbeutel besorgt und zur Brötchentüte umfunktioniert worden. Ist zwar keine Plastik-, aber auf jeden Fall Müllvermeidung. Und wirklich wahnsinnig simpel. Das gibt ein Sternchen ins Heft, oder?!

Ein zweites Sternchen gibt es dann vielleicht für mein Mittagessen. Im Normalfall nehme ich mir etwas mit, wenn ich am Vorabend gekocht habe, oder aber ich hole mir etwas. Zum Mitnehmen. Meist sind es gebratene Nudeln beim asiatischen Imbiss oder Curry mit Reis beim hippen Wok+Burger-Laden um die Ecke. Aber wir wollen ja hier ein bisschen was an Müll einsparen. Das geht aber nicht, wenn ich dann das Curry in zwei Behältern in einer Papiertüte die 50 Meter zur Arbeit schleppe, um dann vor dem Rechner zu essen. Darum bin ich auf eine völlig verrückte und innovative Idee gekommen: Einfach mal DA vor Ort zu essen. Waaahnsinn! (Und keine Sorge, die Bienchen und Sternchen im Heft werden im Laufe der Woche bestimmt noch ausradiert werden müssen. Ganz plastikfrei geht es nämlich auch nicht bei mir, aber ich will mich jetzt gerade noch über kleine Erfolge freuen.)

Mittwoch

Da wir natürlich nicht cheaten wollten, haben wir bereits am Wochenende für die plastikfreie Woche eingekauft. Und es ist immer wieder erstaunlich, wie viel Plastik man einsparen kann, wenn man sein Gemüse auf dem Wochenmarkt kauft. Wir haben ja die schönen Gemüsebeutel schon einmal vorgestellt. Sie sind wirklich praktisch. Im Supermarkt ist vieles bereits in Plastik verpackt, auf dem Markt leider auch schon ein bisschen was. Und wenn nicht, muss man sehr hinterher sein, dass die Verkäufer nicht automatisch zu den vermaledeiten Hemdchentüten greifen.

Ich habe jedenfalls heute Curry-Nudeln gemacht und Champignons, Paprika und Zucchini hineingeschnitten. Wenn ich mir so durch den Kopf gehen lassen, dass die Champignons sonst eine Plastikschale und eine Plastikfolie haben, die Zucchini in Kunststoffnetzen verkauft werden und auch die Paprika eigentlich immer in den Plastikfolien verpackt sind, bin ich einerseits echt angewidert. Und andererseits echt froh, diese Oldschool-Variante von Oma wiederentdeckt zu haben. Die (Vollkorn-) Nudeln waren jedoch in Pappe verpackt, mit einem saudämlichen Sichtfenster aus… Plastik natürlich. Argh! Da ich noch Nudeln da hatte, wollte ich aus dem Unverpacktladen keine neuen mitnehmen, aber das steht auf der Agenda für die Zukunft.

Donnerstag

Liebe Jünger der nachhaltigen Lebensweise, bitte steinigt mich nicht, aber ich habe lange Zeit gesündigt. Denn ich war süchtig – nach Cola Light. Da mir die Cola Zero aus dem Aldi am besten geschmeckt hat, habe ich stets und immer wieder zu meinem Bedauern PET-Einwegpfand-Flaschen gekauft. Das ist wohl so ziemlich das absolute Gegenteil von plastikfrei… Wasserflaschen aus Plastik habe ich zwar vor ein paar Jahren aus meinem Fundus der schlechten Angewohnheiten gestrichen und mir einen Wassersprudler mit Glasflaschen gekauft. Das mit dem Verzicht auf Cola hat allerdings nicht so gut geklappt. Warum es so lange gedauert hat, bis ich den PET-Flaschen abschwören konnte, weiß ich nicht, aber es hat mittlerweile geklappt!

Mittlerweile trinke ich unter der Woche nur noch Wasser. Und wenn es Cola sein muss, gibt es die aus Mehrwegflaschen! Woran ich aber noch arbeiten muss, wie mir heute Morgen erschreckenderweise aufgefallen ist, ist mein Saftvorrat. So ein natürliches, süßes Vitaminbömbchen ist bisher ebenfalls in PET-Einwegflaschen bei mir gelagert worden. Was für eine Schande! Habe heute aber im Supermarkt gesehen, dass es ebenfalls Saft aus Mehrweg-Glasflaschen gibt. Wobei man da zwar auch wieder aufpassen muss. Denn manche Säfte werden leider mit Gelatine geklärt. Und in meiner Welt geht vegan ganz klar vor allem anderen. Aber da muss ich jetzt einmal recherchieren, dann hat dieses Plastikzeug auch endlich ein Ende. Ich gelobe Besserung!

Freitag

…und auch heute ist wieder ein Tag zum Beichten. Eine Sache, die eindeutig in die Kategorie schlechte Angewohnheiten zählt, ist nämlich das Rauchen. Das tue ich nämlich, und wenn wir einmal darüber hinweg kommen, dass es ungesund, teuer und schlichtweg dämlich ist, so stelle ich mir die Frage, wie ich hier an der Stelle möglichst “nachhaltig” rauchen kann. Auch haben wir wieder das Problem, dass man sich hier wieder um vegan kümmern muss. Denn nicht jeder Tabak ist vegan, da regelmäßige Tierversuche verpflichtend für manche Produktionsländer sind, und auch die Filter können tierische Bestandteile beinhalten. Ich drehe selbst und nutze dazu vegane Filter und Blättchen. Und habe dementsprechend ständig jede Menge Plastikmüll (Tabakbeutel, Filtertütchen).

Da Aufhören (leider) noch keine realistische Option ist, habe ich mir Gedanken gemacht, wie ich zumindest an dieser Stelle ein wenig Müll einsparen kann, wenn es plastikfrei schon nichts wird. Statt selbst zu drehen wären Fertigzigaretten in Soft Packs vielleicht eine Option, aber mir sind keine bekannt. Bezüglich Filter habe ich jetzt aber welche entdeckt, die etwas nachhaltiger sein sollten. Wenn mein Vorrat aufgebraucht ist, werde ich einmal probieren (kommen aber auch nicht ohne Plastikverpackung aus). Einen kleinen Teil Plastik werde ich aber ab jetzt einsparen können: Ich habe mein Zippo-Sturmfeuerzug wieder aus der Schublade geholt. So gehören die Plastikfeuerzeuge in Zukunft bald der Vergangenheit an! Aber ist es nicht unglaublich, auf was man alles achten muss?

Samstag

Gestern schon habe ich mich mal wieder ziemlich geärgert. Ich war abends auf der Bielefelder Alm, es gab einen 2:0-Sieg gegen den Nachbarn aus Paderborn. Yuhuu! Vor dem Anstoß gab es aber eine Choreo. Zu diesem Zweck wurden auf der Tribüne 7.000 Fahnen verteilt. Natürlich allesamt aus Plastik. Diese Fahnen wurden ein paar Minuten hochgehalten und hin und her geschwenkt. Danach landeten sie auf dem Boden und später mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit im Müll. So schön und toll diese Choreos auch sind, nachhaltig und plastikfrei geht schlichtweg anders.

Das sind so Momente, in denen ich mich irgendwie frage, inwiefern sich die Gesellschaft allgemein überhaupt ändern kann. Inwiefern auch ich Teil dieses Problems bin und was ich überhaupt dagegen tun kann. Wäre es jetzt meine Aufgabe, mich zu engagieren, in den entsprechenden Fangruppen aktiv zu sein und zu versuchen, für die nächsten Choreos auf Plastik zu verzichten? Wenn ich mir allerdings überlege, wie weit das Gros der Gesellschaft noch von diesen Überlegungen entfernt ist, wage ich die steile These, dass es niemanden interessieren wird. Es wäre ein Kampf gegen Windmühlen, und man würde wahrscheinlich den Stempel des Spielverderbers aufgedrückt bekommen. Und die mag in der Fanszene sowieso niemand.

Sonntag

Nun ist sie auch schon zu Ende, die plastikfreie Woche. Oder besser der Versuch, möglichst plastikfrei über die Runden zu kommen. Was habe ich denn jetzt gelernt? In manchen Dingen ist es wenig überraschend einfacher als in anderen. Was im Bad – mit Ausnahme des Klopapiers – eigentlich relativ schnell vonstatten geht und gut funktioniert, ist an anderer Stelle deutlich schwerer umzusetzen. Rauchen zum Beispiel geht schlichtweg nicht plastikfrei, und auch nicht wirklich ökologisch, aber immerhin vegan. Überhaupt habe ich den Eindruck, dass es ein ständiges Abwägen ist: Was ist nun besser/schlechter? Plastik-, Glas- oder Blech-Verpackung? Ist mir Bio wichtiger als etwas ohne Verpackung? Ich würde sagen, dass vieles wirklich vom Einzelfall abhängt. Und von der Frage: Brauche ich dieses oder jenes wirklich?

Das Wichtigste ist aber, und dafür hat die plastikfreie Woche noch einmal nachhaltig gesorgt, dass man für diese Themen sensibilisiert wird. Einige Dinge werden jetzt noch konsequenter angegangen: Jeglicher Verzicht auf Einweg-PET-Flaschen zum Beispiel. Häufiger auf dem Markt einkaufen. Und im Unverpacktladen. Das Zahnputz-Pulver von dort ist wirklich einen Versuch wert. Nudeln von dort stehen auch auf der Agenda. Und wirklich häufiger in der Mittagspause auswärts essen, um dann nicht den Müll mitzunehmen. Irgendwie glaube ich auch, dass der Hase da im Pfeffer liegt: Plastikfrei hier, plastikfrei da – ich weiß aber nicht, ob Plastik das große Problem ist, sondern es allgemein mit Ressourcenverschwendung nicht besser bezeichnet wird. Wenn Papiertüten eine schlechtere Ökobilanz haben als Plastiktüten, wenn sie nicht zigmal wiederverwendet haben, finde ich das schon bedenklich.

Ich für meinen Teil ziehe genau das daraus: Möglichst wenig Müll zu verursachen, wenn es irgendwie geht. Ein paar Schritte in die richtige Richtung sind wir jetzt gegangen, ein paar weitere werden folgen. Und allgemein halte ich es so, wie man es in diesem Kontext schon mehrfach gelesen hat: “Es geht nicht darum, dass ein paar wenige Zero Waste perfekt beherrschen. Es geht darum, dass es viele nicht perfekt machen!” Von vielen schlechten Angewohnheiten kann ich mich noch nicht trennen, aber von manchen. Und der Rest kommt dann irgendwann.


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